Gedenken: Position beziehen

29.09.2026

Gedenken: Position beziehen

Kultur
Grüne Fraktion im LWL

Rund 120 Menschen erinnern in Lengerich an die Opfer der NS-Psychiatrieverbrechen

Rund 120 Menschen sind am 21. September 2026 dem Aufruf der LWL-Klinik Lengerich zum „Aktiven Erinnern“ gefolgt. Sie gedachten der 440 Patientinnen und Patienten, die ab 1940 aus der damaligen Provinzialheilanstalt Lengerich abtransportiert und ermordet wurden. Im Fokus standen ein stiller Gang über den Gedenkpfad, die Wanderausstellung „Hermann Simon – Das Erbe eines Psychiaters“ sowie eine Podiumsdiskussion zu der Frage, warum Forschung und Erinnerungskultur heute unverzichtbar sind.

Ein Datum mit Geschichte
Der 21. September wurde bewusst gewählt: Am 21. September 1940 begannen die Transporte aus Lengerich, zunächst mit sieben jüdischen Patienten. Heute sind die Namen von 440 Verfolgten und Ermordeten bekannt. Zudem wurden zwischen 1933 und 1945 insgesamt 407 Patientinnen und Patienten zwangssterilisiert. Ein rotes Plus stand damals auf Meldebögen für den Tod, ein blaues Minus für Leben – Zeichen, die sich heute auf 440 Sandsteinen des Gedenkpfads wiederfinden. Eine Namenstafel im Innenhof nennt jeden einzelnen Menschen. Der Pfad wurde von einer Arbeitsgruppe aus Beschäftigten, Ehemaligen, einer Psychiatrieerfahrenen, Bürgerinnen und Bürgern sowie dem Künstler Mandir Tix gestaltet und am 21. September 2017 eröffnet.

Aktives Erinnern: Weiße Rosen auf dem Pfad
Zu Beginn begrüßte Stephan Bögershausen, stellvertretender Pflegedirektor und Leiter der Arbeitsgruppe Gedenkpfad, die Teilnehmenden an der Pforte der Klinik. Der gemeinsame, schweigende Gang führte über den Pfad; jede Person erhielt eine weiße Rose, die an einer selbst gewählten Stelle niedergelegt wurde. Unterwegs wurde ein neues Rosenbeet eingeweiht. An der Namenstafel hielt Pfarrer Dr. Dirk Klute eine meditative Besinnung und knüpfte an Raul Hilbergs Typologie „Täter, Opfer, Zuschauer“ an: „Noch bevor wir eine Position beziehen, haben wir immer schon eine“, sagte Klute. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeige, wie aus einem „Bystander“ ein Retter werden könne. Orientierung gäben verinnerlichte Werte – Liebe und Mitgefühl –, auch gegenüber Menschen, die „ganz anders zu sein scheinen“. Klute schloss: „Dass wir wenigstens immer wieder den Mund aufbekommen und mit den Händen zupacken, wo es nötig ist.“

 

Hermann Simon – Reform und Verantwortung
Die Wanderausstellung „Hermann Simon – Das Erbe eines Psychiaters“ beleuchtet die ambivalente Figur des langjährigen Leiters der Provinzialheilanstalt Gütersloh (1919–1934). Simon gilt als Wegbereiter der Arbeitstherapie und Reformen in der Psychiatrie, forderte zugleich eine aktive Politik der Zwangssterilisation. Die Ausstellung, initiiert von Lasse Stoevesandt (Universität Bielefeld), zeigt beide Seiten seines Wirkens und ist bis zum 20. Oktober 2026 in der Kirche der LWL-Klinik Lengerich zu sehen.

 

Podium: Forschung und Erinnerung heute
Im Festsaal diskutierten Fachleute aus Geschichtswissenschaft, Gedenkstättenarbeit und psychiatrischer Pflege – moderiert von Dr. Jens Gründler (LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte) und Barbara Köhling (Unternehmenskommunikation der Klinik). Prof. Dr. Jan Erik Schulte, Leiter der Gedenkstätte Hadamar, betonte: „Erinnerung ist das, was wir daraus machen!“ Er spricht bewusst von Verfolgten und Ermordeten und richtet den Blick zugleich auf Täter und „Bystander“: Zuschauer, Mitläufer, scheinbar Unbeteiligte. Der Historiker Prof. Dr. Franz-Werner Kersting (Universität Münster) verwies auf einen blinden Fleck: die Umfunktionierung psychiatrischer Kliniken zu Lazaretten im Krieg – ein kaum aufgearbeiteter Bereich. Hilde Schädle-Deininger, prägend für die psychiatrische Pflege in Deutschland, erinnerte daran, dass auch Pflegekräfte zu den Tätern gehörten. Die Klinik benennt diese Verantwortung offen: „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der damaligen Provinzialheilanstalt Lengerich waren beteiligt und tragen Mitschuld.“

Werte verteidigen, Erinnerung weiterentwickeln
Gemeinsam äußerte das Podium Sorge über Tendenzen im gesellschaftlichen Mainstream, die den gleichen Wert aller Menschen in Frage stellen. Solche Haltungen haben im Nationalsozialismus zur Vernichtung geführt. Gefragt sei heute der persönliche und der strukturelle Blick: Wer war beteiligt – und wie kann es wieder dazu kommen? Die Beteiligten wünschen sich zudem den Dialog mit jungen Menschen darüber, welche Formen des Erinnerns sie brauchen.

Ein Denkmal, das wächst
Der Lengericher Gedenkpfad versteht sich nicht als abgeschlossenes Projekt: „Der Lengericher Gedenkpfad ist kein vollendetes Denkmal.“ Er lädt zur Mitwirkung ein. Auftrag der Klinik: „Wir wollen nicht nur erinnern. Unsere Verpflichtung besteht darin, für eine humane Psychiatrie als Teil einer lebenswerten Gesellschaft Sorge zu tragen.“

Ausstellung besuchen
Titel: „Hermann Simon – Das Erbe eines Psychiaters“
Ort: Kirche der LWL-Klinik Lengerich, Parkallee 10, 49525 Lengerich
Dauer: bis 20. Oktober 2026
Öffnungszeiten: montags bis freitags, 9–16 Uhr
Eintritt: frei

Weitere Informationen: www.lwl-klinik-lengerich.de (Stichwort „Der Lengericher Gedenkpfad“)

Bildhinweise: Alle Fotos: Ulrich Nicklaus